Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,
für gutes Leben – für Gelingen im Leben – für Segen – gibt es viele Bilder. Erfülltes Leben kann nur mehrdimensional beschrieben werden. Weder die Länge noch die zählbaren Ereignisse reichen aus. Mindestens ein subjektiv bewertender Bezug wird für die Beschreibung gebraucht – irgendein Beziehungsmoment.
Beispiel: Wann hat ein Schaf ein erfülltes Leben? Antwort: Wenn es die Tage seines Lebens „normal“ durchleben kann und alle Stationen des Lebens erlebt hat: Wenn es als Lamm geboren wird, erlebt es das Mutterschaf, das es abschleckt, anmeckert, trinken lässt und ihm die anderen Schafe vorstellt. Wenn es als Schmalschaf die Weidefläche erkundet, erlebt es die Weite der Wiese und die Gemeinschaft der Herde. Im Lauf der Zeit entwickelt es sich zu einem ausgewachsenen Tier, erlebt Zuwendung und Abneigung der Anderen und wird ein eigenständiges Subjekt. Als solches durchlebt es eine unbestimmte Zahl von Jahren mit schönen und schweren Dingen – allen Fassetten der Jahreszeiten, Freud und Leid in Beziehungen, geschoren werden und in der Wolle schwitzen, Durst erleiden und frisches Wasser trinken, und so weiter. Wenn diesem Schaf im hohen Alter die Kräfte schwinden, wird von einem Leben in Fülle gesprochen. Da Schafe meistens als Nutztiere gehalten werden, benötigt es zum erfüllten Leben auch noch den guten Bauer, der Sorge trägt für Weide, Stall und Sicherheit – den Hirten. Das Schaf, das einen guten Hirten hat, kann den Großteil der Sorge wann, was gut ist, an diesen abgeben. Das Schaf hat Ruhe und kann einfach „normal“ leben.
Das Bibelwort „Christus spricht: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ befindet sich zwischen zwei ähnlichen Worten, die jeweils etwas Besonderes über Jesus als Retter aussagen: Im ersten vergleicht sich Jesus mit der Tür, durch die ein Hausschaf täglich schreitet. Wer diese Tür benutzt wird glücklich sein. Im zweiten vergleicht sich Jesus mit dem Hirten, der die Schafe nicht nur aus dem Stall herausführt, sondern der in der Gefahr zwischen dem bedrohten Schaf und der Ursache für die Gefahr steht – und lieber selbst stirbt, als das dem geliebten Schaf etwas passiert.
Wenn ich ein Schaf wäre, ich wollte mit diesem Hirten leben um gut zu leben.
H. Christoph Geuder
KirchenBezirksSozialarbeiter